Die Jahreskonferenz für innovative Entscheider

Inside PM-Tage | Serie Teil 2 mit Dr. Francesca Mega

Somatic Intelligence

Das Potenzial unserer kognitiven Toolbox – diesem Thema hat sich Dr. Francesca Mega, Neurowissenschaftlerin und Begründerin von EMBODIED INTUITION, mit Leidenschaft verschrieben. Teil zwei der dreiteiligen Serie widmet sich dem Bauchgefühl und erklärt, wieso es mehr ist als eine Metapher und wie wir lernen, es besser zu spüren.

Auch wenn wir uns dessen meist kaum bewusst sind, spielt die Dynamik zwischen Denken und Fühlen eine wesentliche Rolle in unseren Entscheidungs- und Urteilsprozessen.

Die Grundlage dafür bildet ein kaum bekannter Sinn: die Interozeption. Interozeption beschreibt das Spüren interner körperlicher Prozesse wie Atmung, Herzschlag, Verdauung, etc.1  Dieser Sinn interagiert mit unseren kognitiven Fähigkeiten und fließt als somatisches (körperliches) Feedback ein in unsere Entscheidungen und Urteilsbildung.

Ein eindrückliches Beispiel hierfür kommt aus der Londoner Finanzwelt. Ein britisches ForscherInnen-Team konnte zeigen, dass Finanzanalysten bessere Entscheidungen an der Börse treffen, wenn sie ein größeres Bewusstsein für die eigenen körperlichen Signale wie Herzschlag und Atmung haben. Dank erhöhter interoceptive awareness erzielten sie höhere Profite als jene Analysten mit weniger ausgeprägtem “Spürsinn”.2

The ability to perceive and listen to one's "gut feeling" is associated with superior decision-making & more advantageous choices, especially in complex & uncertain situations.

Das “Bauchgefühl” ist also nicht nur eine Metapher, sondern ein Abbild der Tatsache, dass somatisches Feedback zentraler Bestandteil von Intuition ist. Die gute Nachricht: dieses Feedback – unsere Interozeption – kann trainiert werden.3

Zugang zum Bauchgefühl (wieder)erlangen

Die Nutzung der Interozeption für intuitives Entscheiden setzt voraus, dass wir Zugriff auf diese (körperliche) Datenbasis haben – dass wir unser “Bauchgefühl” auch spüren können. Genau diese Frage des Zugangs ist eine der häufigsten, mit der ich in meiner Arbeit konfrontiert werde.

“Welche Maßnahmen empfehlen Sie Personen, damit sie ihren Bauch wieder fühlen und intuitiver handeln können?”

Eine niedrigschwellige Maßnahme ist so einfach, dass sie beinahe banal wirkt: bewusste und tiefe Atmung. Bewusstes Atmen als Praxis zu etablieren, wirkt sich positiv auf die Schulung von Interozeption4 und damit Intuition aus. Diese positive Wirkung endet aber nicht dort! Bewusste und vertiefte Atmung beeinflusst auch unsere Stressreaktion, emotionale Regulationsfähigkeit, Schlafqualität und kognitive Flexibilität. Kurzum: Es gibt gute Gründe, mit der bewussten Atmung als erstes Instrument zum Training von Intuition zu beginnen!

Konkret sind Atem-Meditationen beispielsweise eine wunderbare Möglichkeit, um Interozeption zu trainieren. Denn Meditation funktioniert über die bewusste und urteilsfreie Aufmerksamkeitslenkung – in diesem Fall auf den Atem, wodurch sich mit der Zeit eine erhöhte Sensibilität für die eigene Atmung einstellt. Das ist eine Sensibilität, welche zur Grundlage des besseren Spürens des eigenen Bauchgefühls gehört. Der Weg, den eigenen Bauch wieder fühlen und intuitiver handeln zu können, führt also über den Aufbau interozeptiver Fähigkeiten sowie über die Schulung emotionaler Kompetenzen (emotional intelligence) und die Reflexion der eigenen Stressoren. Denn der Zugang zu Körper, Emotionen und den eigenen, inneren Ressourcen sind Grundvoraussetzungen, um mit Intuition arbeiten zu können.

Wie können wir also unser Bauchgefühl besser spüren?

Meine Antwort darauf: Indem wir einerseits die Sensibilität für somatische Vorgänge wie unsere Atmung erhöhen und gleichzeitig anfangen, die Barrieren abzubauen, die es uns erschweren, unseren Körper wahrzunehmen. Der nächste Schritt besteht darin, sich zu erlauben, dieses Bauchgefühl als validen Entscheidungsbestandteil wahrzunehmen und zu kommunizieren. Wie genau das funktionieren kann, werde ich in dem dritten Teil dieser Serie erläutern.


1 H.D. Critchley, J. Eccles, S.N. Garfinkel: Interaction between cognition, emotion, and the autonomic nervous system. Handbook of Clinical Neurology, 117 (2013); A.D. Craig: Human feelings: Why are some more aware than others? Trends in Cognitive Sciences, 8 (6) (2004).
2 Kandasamy et al.: Interoceptive ability predicts survival on a london trading floor. Nature: Scientific Reports, 6 (2016).
3 Garfinkel et. al. (2015): Knowing your own heart: Distinguishing interoceptive accuracy from interoceptive awareness. Biological Psychology, 104 (2015).
4 www.scientificamerican.com/article/proper-breathing-brings-better-health/

 

Kurzbiografie:

Dr. Francesca Mega ist Diplom-Biologin, Neurowissenschaftlerin & Beraterin für Adaptive Cognition, Agile Mindset & Mindful Leadership. Nach dem PhD am Center for Integrative Neuroscience forschte Francesca als Associate Fellow der Einstein Stiftung an der Berlin School of Mind & Brain. Anfang 2018 gründete Francesca EMBODIED INTUITION, um neue Konzepte für die Zukunft der Arbeit zu entwickeln. Diese basieren auf kognitiver Neurowissenschaft, Philosophie und Physiologie, sowie über 10 Jahren Erfahrung in Mindfulness und Embodiment.