Die Jahreskonferenz für innovative Entscheider

Inside PM-Tage | Digital Vordenker Thorsten Jekel im Beitrag

Im Zweifelsfall ist mehr Führung wichtiger als mehr Technik

Die heutige Arbeitswelt ist transformativer und technologisierter als je zuvor. Der digitale Wandel hat also bereits seine Spuren hinterlassen – und wird dies weiterhin tun. Dabei ist „das Erfolgsrezept nicht die Technik, sondern die Führung,“ davon ist Thorsten Jekel überzeugt. Er ist DER Experte für Digital Working und auf den nächsten PM-Tagen 2021 zu Gast. Im Gespräch vorab verrät er, was beim Thema Digitalisierung gern vergessen wird und wie es gelingt, die mit dem technischen Fortschritt verbundenen Veränderungen im Arbeitsleben erfolgreich zu meistern – mit Projekt- und Change Management und vor allem mit Leadership.

Um den digitalen Wandel erfolgreich zu meistern, braucht es mehr als Technik. Für Sie ist Leadership hier der Schlüssel zum Erfolg. Warum ist eine solch nachhaltige Führung so wichtig und wie sieht sie (bei Ihnen) in der Praxis aus?

In vielen Unternehmen gibt es zwei Denkfehler: Der erste Denkfehler ist, dass neue Technologien, die man einkauft, sofort für mehr Produktivität sorgen. Oft ist leider sogar das Gegenteil der Fall. Kosten und Komplexität steigen und die gewünschten Effekte treten leider nicht ein. Der zweite Denkfehler ist, dass die Generation Y den digitalen Wandel im Unternehmen treibt. Meine Erfahrung ist, dass die Generation Y zwar sehr schnell beim Tippen von WhatsApp-Nachrichten ist, bei der produktiven Nutzung von Technologie aber genauso Unterstützung durch die Führung braucht wie alle anderen Mitarbeiter auch.

Der Digitale Wandel wird vor allem durch die Führungsspitze im Unternehmen getrieben, die sich zunächst die Frage stellt, welche Ziele durch die Digitalisierung erreicht werden sollen, und im Nachgang dann die passenden Technologien auswählt, professionell einführt und ihr Team dabei mitnimmt. Parallel hierzu haben weitsichtige Führungskräfte auch immer neue Technologien im Blick, um zu verstehen, welche neuen Geschäftsmodelle und Optimierungen im bestehenden Geschäft durch Technologie möglich sein können.

Wie bei anderen Projekten ist die Einführung neuer Technologien ein Change-Management Projekt, bei dem entsprechende Widerstände ganz normal sind. Diese müssen durch professionelle Führungsarbeit adressiert werden, da solche Projekte sonst meist scheitern.

Ihre Mission ist es, IT und Management zusammenzubringen. Was ist die größte Herausforderung hierbei? Und wie schaffen Sie es, das Leben der Manager durch angewandte IT leichter und produktiver zu machen?

IT und Management reden heute leider oft komplett aneinander vorbei. Das liegt zum einen daran, dass das Management oft viel zu wenig IT-Know-How besitzt und damit auch nicht die richtigen Fragen an die IT stellen kann. Zum anderen fokussiert die IT häufig ausschließlich das Thema IT-Sicherheit und weniger das Thema Optimierung der Geschäftsprozesse. Darüber hinaus fehlt in vielen Fällen leider auch nicht nur das gegenseitige Verständnis von IT und Management, sondern auch der so wichtige menschliche Respekt. Dadurch werden bestehende Fronten leider oft verhärtet, anstatt aufeinander zuzugehen.

Der erste wichtige Schritt ist von daher immer, das Verständnis des Managements für IT-Technologien und die damit verbundenen Herausforderungen der IT-Abteilung zu verdeutlichen. Damit kann das Management die richtigen Fragen an die IT stellen.

Der zweite Schritt ist eine Rollenklärung der IT. Es muss klar sein, dass IT-Sicherheit eine wichtige Rahmenbedingung ist, aber dass die Hauptrolle der IT die des Business-Enablers ist, d.h. dass sie dabei unterstützt, die Prozesse im Unternehmen möglichst kundenfreundlich und effizient abzubilden.

Wenn beide Bereiche respektvoll miteinander umgehen, können gemeinsam die passenden Technologien ausgewählt und eingeführt werden.

„Erst das Hirn einschalten, dann die Technik,“ so lautet Ihre Devise. Welcher technologische Fortschritt macht für Sie am meisten Sinn – gerade für Projektmanager von morgen? Haben Sie einen persönlichen Favoriten?

Im Projektmanagement wird heute sehr viel Zeit für Kommunikation per E-Mail aufgewendet. Das ist gelernt und für alle Projektbeteiligten ohne Einarbeitung umsetzbar. Durch moderne Kollaborationstools ist es heute jedoch möglich, die E-Mail-Flut in Projekten um 80% zu reduzieren. Das erfordert eine andere Denk- und Arbeitsweise und damit etwas Projektzeit zu Beginn. Erfahrungsgemäß spart es aber viel Projektzeit im Nachgang. Darüber hinaus erhöht sich die Übersichtlichkeit für alle Projektbeteiligten signifikant.

Mein persönlicher Favorit ist die Nutzung von Personal Kanban-Tools, wie Asana, Trello, Meistertask oder Planner, die aus der Softwareentwicklung kommen und in SCRUM-Prozessen sehr etabliert sind.

Der Planner, aber auch die anderen Tools, können mittlerweile sehr gut in Microsoft 365 (das ehemalige Office 365) eingebettet werden. Damit hat man eine gemeinsame elektronische Projektumgebung. Im Gegensatz zu Slack unterstützt die MS-Teams-Umgebung meiner Erfahrung nach auch eher noch eine strukturierte Vorgehensweise. Unabhängig von dem gewählten Tool ist es aber immer wichtig, einen Tool-Beauftragten im Projekt zu haben. Das muss nicht der Projektleiter selbst sein.

Welche Rolle spielt Projektmanagement Ihrer Meinung nach in der heutigen transformativen und technologisierten Arbeitswelt?

Durch neue Technologien und schnellere Internetverbindungen ist immer mehr vernetztes Arbeiten möglich. Um die sich daraus ergebenden Chancen zu nutzen, wird eine Projektkoordination zunehmend wichtiger. Ohne professionelles Projektmanagement führen moderne Kollaborationstools oft zu völligem Chaos. Erst mit einem guten Projektmanagement können die Potenziale der modernen Arbeitswelt wirklich genutzt werden.

In einigen Unternehmen gibt es sogar Ansätze, die fixe Hierarchien durch eine flexible Projektmanagement-Organisation ersetzen. In solchen Organisationen werden für definierte Projekte Projektmanager auf Zeit eingesetzt – mit einem dazugehörigen Bewerbungsprozess. Aus meiner Sicht macht das für einmalige komplexe Projekte Sinn. Darüber hinaus benötigt es aber immer noch eine klassische Organisation, die Basisprozesse sicherstellt. Für jede Eingangsrechnung in der Buchhaltung ein neues Projekt aufzusetzen, ist sicherlich wenig sinnvoll. Von daher sehe ich eine wachsende Bedeutung des Projektmanagements als Ergänzung zu einer gut geführten Linienorganisation.

Sie sind seit mehr als 30 Jahren im Geschäft – als gefragter Sparringspartner von namhaften Unternehmen. Dabei haben Sie mit Sicherheit jede Menge Veränderungen im Arbeitsumfeld miterlebt. Welche Lektion möchten Sie hierzu gern mit anderen Firmen teilen?

Die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass wir Menschen erst einmal keine Veränderungen mögen. Routinen sind Überlebensstrategien und alle Abweichungen davon sind unterbewusst erst einmal lebensgefährlich. Wichtig ist, diese Widerstände nicht zu ignorieren oder zu unterdrücken, sondern durch gute Führung professionell, klar und menschlich zu adressieren. Hierzu gibt es bewährte Modelle der Stufen von Veränderungsprozessen, die Mitarbeitende immer durchlaufen. Hier schließt sich der Kreis zu den obigen Ausführungen, denn Veränderungsprozesse sind menschliche Kommunikationsprozesse, die nur durch aktive Führung gesteuert werden können. Technik ist ein wichtiges Werkzeug, aber es entfaltet seine volle Wirksamkeit erst in der Hand eines professionellen Führungsteams. Im Zweifelsfall ist mehr Führung sogar wichtiger als mehr Technik. Idealerweise geht natürlich beides Hand in Hand.

 

Kurzbiografie:

Seine berufliche Laufbahn begann Thorsten Jekel bei Heinz Nixdorf. Nach dem Diplom zum Betriebswirt (BA) war er bei Tchibo Coffee Service tätig. Währenddessen absolvierte er ein Excecutive MBA-Studium. Daraufhin folgte die Geschäftsführung von Vitality Deutschland und Europa. Seit 2010 unterstützt er mit jekel & team namhafte Firmen bei der optimalen Nutzung vorhandener und neuer Technologien. In Vorträgen berichtet er von seinen Erfahrungen als GF und Sparringspartner von CEOs. Darüber hinaus promoviert er im Performance Management und forscht zu Digital Working.